Was die Kunst mit Hotels macht

aus: AHGZ Nr. 2015/30 vom 18. Juli 2015

Wer sind Sie? Eine Nummer, die Ihnen der Zimmerschlüssel vorgibt? Wen sehen Sie, wenn Sie in den leicht verblichenen Spiegel am Treppenaufgang blicken? Wie stünde ein Spekulant da? Ein Exilant? Als was können Sie sich imaginieren? Ob sich von der Empore wohl schon jemand in den Tod gestürzt hat?

Eben diese Fragen stellte die Performancegruppe Ligna, als sie vor einiger Zeit den Besucher auf den Audiowalk durch die verschlungenen Hotelflure des Steigenberger Europäischer Hof in Baden-Baden schickte. Fragen, die gleich den Kern des Hotelaufenthalts treffen. Denn das Hotel ist ein Ort des Übergangs. Es gibt den im Alltag stillgelegten Seiten der Identität Raum. Ein Raum, der Sehnsüchte und Ängste spiegelt; ein Ort des Schönen und des Schrecklichen. Diese Parallelwelt befeuert die Fantasie, angeheizt durch die Spuren, die Gäste und Zeit hinterlassen haben. Im Grunde ist ein Hotel wie ein Roman. Es erzählt von Vergangenheit und Gegenwart, manchmal auch von einer Zukunft. Kein Wunder, dass Literaten und Künstler sich davon angezogen fühlten und fühlen.

Vorgriff auf die Zukunft
Wie stark Kunst und Hotel verwoben sind, machen mehrere Projekte der letzten Zeit deutlich. So war der Audiowalk Teil des Kunstparcours durch Badener-Badener Hotels, an dem sich in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle mehrere noble Häuser beteiligten. Sie dienten Künstlern als Galerie, gleichsam als Museum auf Zeit. Mehr noch: Sie wurden selbst Motor und Teil der Kunst, wie im Europäischen Hof (der zurzeit geschlossen ist).

Oder in Brenners Park-Hotel. Dort räumte man auf Wunsch des Künstlers Christian Jankowski das Zimmer 127 leer. Der Gast konnte sich die Einrichtung nun selber aussuchen, nach dem Baukastenprinzip aus einem Katalog quer durch mehrere Epochen: das Hotelzimmer als „Möglichkeitsraum“, in dem der Gast eine „Lebensentscheidung“ – nämlich über seine bevorzugte Behausung für eine Nacht – treffen soll. Entstanden sind Alternativen zum gängigen Hotelzimmer, auch zu den in Brenners Park-Hotel. Vielleicht ist der „kleine Entscheidungsraum“, wie ihn der Künstler nennt, ein Modell für einen neuen Zimmertypus.

Ein Vorgriff auf eine mögliche Zukunft steckte auch in dem Projekt „Hotel Konkurrenz“, zu dem ein Wiener Künstlertrio das 4-Sterne-Hotel St. Oswald in Kärnten für ein paar Wochen umfunktioniert hatte: Zu einem hierarchiefreien Hotel, in dem auch räumlich die Barriere zwischen Personal und Gast fällt, in dem man sich duzt, gemeinsam isst, als Gast beim Servieren mithelfen kann, Teil der sonst verborgenen Hotelmaschinerie wird. Es ist bei einer Utopie geblieben – nach Abzug der Künstler sind die Hoteliers Anna und Christoph Scheriau wieder zum Sie übergegangen.

Dennoch: Kunst bringt Alternativen zur üblichen Hotelwelt hervor, wenn auch nur vorübergehend. Eine war zum Beispiel das „Hotel Shabbyshabby“, ein Projekt internationaler Künstler, die in Mannheim 1-Zimmer-Hotels aus Produkten herstellten, die nicht mehr gebraucht wurden – darunter Hölzer, Glas, Gräser (siehe Bild Seite 10). Den Gedanken, das Hotelzimmer zum Kunstwerk zu machen, setzt in Berlin schon lange das Arte Luise Kunsthotel konsequent um. Dort haben Künstler die Zimmer gestaltet, geformt, ihnen ihren Stempel aufgedrückt. Eines dieser Zimmer heißt „Mammels Traum“: eine Reminiszenz des Künstlers Dieter Mammel an seine Kindheit, als er das Eichenbett der Großeltern als „riesig“ erlebte. Er hat diese Kinderperspektive wieder aufleben lassen, indem er ein überdimensioniertes Holzbett in den Raum stellte (siehe Bild Seite 10).

Im Treppenhaus des Altbaus säumen Weisheiten des Berliner Philosophen Wilhelm Schmid den Weg in die oberen Etagen: „In der Nacht der menschlichen Eitelkeit, am Rande des Abgrunds der Verzweiflung“ ist da zu lesen. Vielleicht eine Anspielung auf die dunkle Seite der Existenz, die sich auch in einem Hotel spiegeln kann: als Ort der Einsamkeit und Verzweiflung wie in den Fotografien des amerikanischen Künstlers William Eggleston. Das Luise Kunsthotel rühmt sich, der Poesie den Vorzug vor dem Room-Service zu geben und spart dadurch en passant eine Menge (Personal-)Kosten ein. Rund 50 Künstler haben die Zimmer gestaltet, außer beeindruckenden Raumkonzepten auch schlichte Varianten wie „Vincent’s Bedroom“, eine Rauminstallation, deren Kargheit inklusive harter Matratze im schmalen Holzbett „Atmosphäre und Lebensumstände“ eines Künstlerzimmers, in diesem Fall Vincent van Goghs, wiedergeben möchte. Das Kunsterlebnis wird da leicht zum Leiden im Hotelzimmer. Das Problem kennt auch der Designer und Architekt Volker Albus, der aber in Hotelzimmern an etwas ganz anderem leidet: am innenarchitektonischen Durchschnitt: „Im Hotelzimmer erreichen die gängigen stilistischen Ausprägungen ein ultimatives Mittelformat.“ Kunst im Hotel, so Albus, dient dann nichts anderem als der Demonstration eines „noblen Geschmacks“. Was man aus eigener Erfahrung bestätigen kann.

Im Arte Luise Kunsthotel ist das anders. Als Honorar bekommen die Künstler übrigens rund 5 Prozent vom Umsatz „ihres“ Zimmers. Ebenso eine Aufwandsentschädigung sowie eine bestimmte Zahl an freien Übernachtungen. Alle paar Jahre werden bis auf einige Ausnahmen die Zimmer zur Gestaltung neu ausgeschrieben.

Kreativität inspiriert Gäste
Logis gegen Kunst: Das ist keine Erfindung des Arte Luise Hotels. Mitte der 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts praktizierte dies bereits in Köln der Hotelier Werner Peters, promovierter Philosoph und lange Zeit Politikberater. Angeregt hatte dies allerdings ein Künstler: Martin Kippenberger. Er machte das Chelsea Hotel – benannt nach dem berühmten New Yorker Vorbild – zum Künstlerhotel, residierte dort und gab „generös großformatige Bilder aus seiner Sammlung - nicht nur eigene - zur Verrechnung“, berichtet Peters.

Prominente und weniger bekannte Kollegen folgten, deren Werke die 38 Zimmer prägen, darunter Walter Dahn, Markus Oehlen und der amerikanische Konzeptkünstler Joseph Kosuth: Seine Neon-Installation begrüßt die Gäste an der Rezeption. Vor Kurzem kam eine Rauminstallation des Schotten Richard Wright hinzu.

Im Chelsea inspiriert die Kunst, bringt den Gast auf andere Gedanken und in Kontakt, wenn man das angeschlossene Café Central betritt, das immer noch etwas Bohèmehaftes ausstrahlt und von einem bunten Völkchen belebt wird. Ein Künstlerhotel, das nicht viel Aufhebens von sich macht. Logis gegen Kunst – das gab es übrigens schon Ende des 19. Jahrhunderts, zur Zeit der Künstlerkolonien. Da wohnten Künstler gemeinsam in Hotels, schmückten die Räume von Herbergen und Wirtshäusern kunstvoll aus, nutzten sie als Ausstellungsorte, was wiederum dem Hotelier neue Gäste bescherte. Kost und Logis bezahlten sie oftmals mit Kunst.

Das Kölner Chelsea, ein kleines Privathotel, fand in Deutschland viele Nachahmer. Darunter die Kette Art’otel, die zur PPHE Hotel Group Limited gehört. In einem der Häuser, dem Art’otel Berlin Mitte, schmücken Arbeiten von Georg Baselitz die Zimmer, keine teuren Ölgemälde, sondern Handzeichnungen und Druckgraphiken. Seine Meisterschülerin namens SEO wiederum ist in dem 2010 eröffneten Kölner Haus der Kette mit Originalen vertreten, die sie eigens für das 217 Zimmer große Hotel gemalt hat.

Kunst muss zum Hotel passen
Das Hotel als Galerie oder als Hort einer Kunstsammlung wertet ein Haus auf und lässt sich gut vermarkten. In exponierter Weise sichtbar im Luxushotel Schloss Fuschl Resort&Spa, das eine museumswürdige Kollektion Alter Meister des 17. bis 19. Jahrhunderts birgt, mit einer renommierten Kunsthandelsfirma kooperiert und auch Verkaufsausstellungen veranstaltet. Neuerdings wirbt auch das Althoff Grandhotel Schloss Bensberg mit seiner Sammlung von Gegenwartskünstlern, durch die auf Wunsch eine Kunsthistorikerin führt.

Wie Kunst instrumentalisiert wird, zeigt die Werbung einer Künstlerin, die auf Bestellung für Unternehmen, Bürogebäude und Hotellerie produziert. „Wer Kunst hat“, so heißt es auf ihrer Website, „dem geht es auch als Unternehmen gut und man zeigt es nach außen.“ Das ist etwas anderes, als was Künstlerhotels wie das Chelsea oder das Luise wollen.

Sicherlich kann (moderne) Kunst für das Image eines Hotels gut sein, sofern es zum Charakter eines auf Kreativität und Fortschrittlichkeit bedachten Unternehmens passt, wie das im 25hours im Berliner Bikinihaus der Fall ist. Dort hat sich der junge japanische Künstler Yoshi Sislay an den Wänden des ganzen Hauses verewigt: mit witzigen Illustrationen, unter anderem Tier- und Pflanzenmotive, die dem Gestaltungsmotto „Urban Jungle“ folgen. Hier gehen Kunst und Design eine gelungene Verbindung ein, wobei latent die Tendenz zur bloß gefälligen, hier witzig-cool-gefälligen Dekoration besteht.

Doch welche Rolle spielt das Hotel als Sujet in der Kunst? Die Darstellung des Hotels in der Malerei ist in den vergangenen 200 Jahren nicht so stark ausgeprägt wie seine Darstellung in Literatur, Fotografie oder Film. Bei der Motivwahl zeigt sich: Die Darstellung des Lebens im Hotel kommt eher selten vor. Es sei denn, es handelt sich um Tafelfreuden oder auch um Lebensmittel, die in der in Baden-Baden nicht präsentierten „Eating Art“ selbst zum Material der Kunstproduktion werden können. Als künstlerisches Sujet lange Zeit beliebt: der Blick aus dem Hotelfenster. Von diesem sicheren Ort aus nähert sich der reisende Künstler dem Fremden an.

Vor allem ein (sozial-)kritischer Blick ist in Malerei, Fotografie und Film zu finden – etwa in den Bildern des weißrussischen Malers Chaim Soutine, der in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts erschöpfte und abgearbeitete Zimmermädchen, Köchinnen und Kellner ins Bild rückt, also den harten Alltag hinter der Wunscherfüllungsmaschine Hotel zeigt. Dann, ab den 60er-Jahren wird das Hotel im Zuge eines erweiterten Kunstbegriffs häufiger zum Motiv. Die Brüchigkeit des Hotels als Ort des Schönen erfasst der südafrikanische Fotograf Guy Tillim in seinen Bildern von verfallenden Palasthotels (Grande Hotel Beira, Mozambique, 2008). Und Andreas Gursky führt vor, was eine Investitionsarchitektur so hervorbringt: Wolkenkratzer-Schlafmaschinen (Shanghai, 2000).

Ein Ort, an dem alles möglich ist
Das Hotel als Ort des Schrecklichen, diese Erfahrung klingt – neben dem Motiv des Hotels als Sehnsuchts- und Glücksort – in allen Künsten an. Es ist eine Welt des Provisorischen, der Diskretion, die fasziniert und die Fantasie anregt. Kurzum: Das Hotel ist ein Zwitterwesen, vielleicht am besten verkörpert durch das legendäre Chelsea in New York – für manche Heim- und Arbeitsstätte, für andere Endstation.

Auf jeden Fall ein ungewöhnlicher Ort, wo alles möglich ist: „Stellen Sie sich in den großen Schrank, gehen Sie hinein“, sagt die Stimme beim Audiowalk durch das eingangs erwähnte Hotel Europäischer Hof in Baden-Baden. „Was geht in Ihnen vor? Und dann, legen Sie sich aufs Bett und hinterlassen Sie Ihren Traum in der Stille des Zimmers."